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Diät? Nein danke!

"Ich kann so bleiben wie ich bin!", Seite 1/6

Haben Sie als Kind schon Spinat gehasst? Bevorzugen Sie weißen Zucker statt des braunen Gekrümels aus der Öko-Tüte? Brauchen Sie morgens einfach Ihren Kaffee, um auf Trab zu kommen? Und beißen Sie sogar von Zeit zu Zeit mit Herzenslust in einen Hamburger?

Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantwortet haben, sind Sie ein hoffnungsloser Fall, meinen ernährungsbewusste Zeitgenossen und heben tadelnd den Finger. Sie verstoßen ja gegen alle Regeln gesunder Ernährung – und lieben gar Fastfood? Undenkbar! „Hamburger!“ kreischt die gertenschlanke Bürokollegin Anita und blickt entsetzt von ihrem probiotischen Müsli-Joghurt auf, als sie ihr beiläufig von Ihren Essensfantasien erzählen. Die Mitteilung, Sie seien an Pest und Cholera gleichzeitig erkrankt, hätte keine dramatischere Reaktion hervorrufen können als Ihr Geständnis, sich gern mal wieder in einer bekannten amerikanischen Fastfood-Kette vollzuschlemmen. Die mitleidige Mimik der jungen Kollegin konfrontiert die lüsterne Fleischliebhaberin gleich mit optischen Konsequenzen ihrer Absicht: „Und Du wunderst Dich noch, dass der Bikini kneift?“ Es ist ernst! Nicht nur Ihr Hüftumfang, auch Ihr Sozialleben ist in Gefahr – denn so ein schlechtes Vorbild, das mit seinen unvernünftigen Kalorienträumen die hehren Ayurveda-Vorsätze von abnehmwilligen Grösse-38-Damen zunichte macht, wird allgemein eher gemieden und geächtet. Und sie haben ja alle Recht, dieser nimmermüde Chor der modelwürdigen Kritiker! Sie empfinden Ihre persönliche Schuld tief, denn Sie sind ein undisziplinierter Esser, und mit schlechtem Gewissen zwingen Sie sich die nächste Diät auf…

Nicht nur die Frauen, sondern zunehmend auch Männer haben in unserer Gesellschaft ein Problem mit dem Essen: was ihnen wirklich schmeckt, gilt als ungesund, und Liebhaber einer „ungesunden“ Lebensweise werden sozial abgewertet. Eine sozialpsychologische Studie vom Fernsehsender MDR hat gezeigt, dass „Dicke“ im Job mit massiven Vorurteilen zu kämpfen haben und bei Einstellungen und Beförderungen oft übergangen werden. Das stereotype Schönheitsideal der Gegenwart, der oder die Überschlanke, signalisiert nicht nur Fitness, sondern wird auch mit hohem Leistungsvermögen assoziiert. So überrundet er oder sie, trotz fehlender Rundungen, einfach aufgrund dieses sozialen Vorurteils oftmals den gewichtigeren Mitbewerber. Übergewichtige gelten als undiszipliniert und faul. Und wer als übergewichtig gilt und aufgrund welcher Ernährungssünden, glauben wir gut zu wissen. Kollegin Anita und ihresgleichen haben längst ein Meinungsmonopol über das, was als schön und gesund gilt, und aus Angst vor sozialer Diskriminierung unterwerfen sich viele dem Diktat einer solchen Körpernorm. Die problematisierende Beschäftigung mit dem Körperbild nimmt für immer mehr Menschen einen grossen Raum im Alltag ein, mahnen Psychologen. Wir halten uns für Kenner der Ernährungsszene, testen jede neue Modediät, rechnen unseren Body-Mass-Index (BMI) aus, lassen unser Unterbewusstsein über Hypnose-CDs mit Abnehmsuggestionen berieseln, berechnen die Kalorien des Sprossensalates und träumen dennoch von Alfredos garantiert taillenschädlicher Lasagne… So beginnt oft ein Teufelskreis aus Bedürfnisunterdrückung und Selbstverleugnung, der im Extremfall in Selbstwertkrisen und sozialer Isolation enden kann.

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