Heiße Gefühle am Kopierer?Liebe ohne Feierabend Seite 2/6 |
Die Lust am Verbotenen
Es muss nicht immer der viel beschworene Quickie am Kopierer sein, der die Fantasie beflügelt. Heiße Küsse im Büroflur, erotische Überstunden…endlich scheinen alle Fantasien realisierbar. Sogar der ungeliebte Montagmorgen wird mit einem Extraschuss Lebensfreude kombiniert. Die Liebe am Arbeitsplatz ist für viele Menschen ein Adrenalinstoss, insbesondere dann, wenn es sich um „unzugängliche“ Personen handelt – den Chef, den Konkurrenten im Job oder sogar den Anwalt der Gegenpartei. Risiken einzugehen, um Tabus einzureißen und eine unnahbare Persönlichkeit um den Finger zu wickeln, ist für Wagemutige ein pures Aphrodisiakum. Doch obwohl kein Gesetz intime Beziehungen zwischen zwei Mitarbeitern am Arbeitsplatz verbietet, ist Diskretion Trumpf. Die Liebe im Berufsalltag ist, gängigen Klischees zum Trotz, eher selten eine direkte sexuelle Angelegenheit. Der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer zeigt sich diszipliniert: der geliebte Kollege wird im Job freundlich behandelt, doch nicht als Lustobjekt. Vieles spielt sich also im Kopf ab, es bleibt bei einem Lächeln, einem Blick – auch, wenn man bereits miteinander liiert ist. Doch die Gewissheit, den Anderen wesentlich besser zu kennen als die Kollegen, behält dennoch einen gewissen verbotenen Reiz. „Die Job-Liebe ist eine schöpferische Grenzüberschreitung, welche von den meisten Menschen positiv erlebt wird“, erklärt Frau van Tack weiter, „man erweitert sozusagen das Spektrum Beruf um die Facette Privates. Das ist gut so und dient oft sogar der Sache. Denn gar nicht selten befruchtet ein Schuss Emotion im Arbeitsleben das Ideenpotenzial und die Leistungsbereitschaft ganz erheblich. Nicht umsonst gibt es das gerade in den kreativen Berufen. Die Verbindung von Regisseur und Schauspielerin ist legendär, oder denken Sie an den Bildhauer Auguste Rodin und seine Schülerin und Geliebte Camille Claudel.“ Für kreative Menschen ist die liebende Verbindung im Job häufig ein Wegbereiter für einen verbesserten Ideen-Flow. Doch auch jenseits des Showbiz und der Kunstwelt erfüllt die Liebe am Arbeitsplatz eine wichtige Funktion. Gerade in konventionellen Branchen wie Banken und Schulen und in konservativen Grossunternehmen, in denen die Arbeitswelt oft als unmenschlich erlebt wird, ist die Job-Liebe eine menschliche Brücke und der Versuch, eine authentische Beziehung herzustellen. Auch unser psychologisches Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein und aus der Masse der Arbeitnehmer hervorzustechen, wird durch die Liebe am Arbeitsplatz erfüllt. „Es ist ein Ausbruch aus der Anonymität. Außerdem macht es einfach Spaß, etwas Spezielles über Herrn X und Frau Y zu wissen, was andere nicht wissen,“ ergänzt die Psychologin, „das stärkt das eigene Gefühl von Macht und Kontrolle.“